Ondulierbürsten und andere Frisörfreuden

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Die Frau Hofrat wanderte nervös mit ihren Lockenwicklern im Salon herum auf der Suche nach den abgegriffenen Magazinen und schimpfte in böhmischen Dialekt vor sich hin, bei dem die Ü's gerne zum i werden.
Es ziepte und juckte auf ihrem Kopf. Ausserdem war sie eifersüchtig auf mich, weil der Friseur während ihrer Trocknungszeit an meinen Zoten Hand anlegte und ihre Geschichten anfing zu ignorieren.

"Friseur sein ist irgendwie wie einen Christbaum zu schmücken" munterte ich ihn auf. Sein Schnurrbart zuckte leicht auf und ab und er hielt einen Moment inne vom Rupfen mit dem feinen Kamm und warf mir einen noch mürrischen Blick durch den Spiegel zu.
Sein plötzliches Glucksen und Kichern kam so überraschend - er spie es mir direkt ins Genick.
"Nur dass man als Frisör nicht vom Christbaum naschen darf".
Es war weit nach sechs Uhr als er mir die letzten locken mit dem Gesicht eines Künstlers an die richtige Stelle toupierte.
Seine Zähne mahlten dabei wie Mühlsteine aufeinander und unter seinem Blick verharrten die Haare alleine schon aus Angst.

Die Frau Hofrätin mit dem neuen Hausfrauenballon hatte er mit einer übermäßig würdevollen Verbeugung längst aus der Tür des Ladens am Südbahnhof gedrängt. Vor den schlierigen Fenstern standen wie jeden Tag Männer aus Rumänien und Taxifahrer aus Bosnien, die sich immer wieder über die neuen Kreationen und den lustigen Anblick von Frauen mit Lockenwicklern mokierten. Manchmal pfiffen sie auch belustigt, wenn jemand besonders aufgetaktelt oder hübsch den Frisörladen verließ.

"Wie aus dem Journal" murmelte wieder und wieder der Frisör, der aussah wie ein Christian, mit stolz geschwollener Brust meiner neuen Haarpracht entgegen. Das Meidlinger "L" schug dabei Purzelbäume in seinem Mund.
Es war weit nach 18h und die Mädchen hatten aufgeräumt und waren gegangen. Er gab mir Frisörbedarfskataloge und erläuterte diesen und jenen Vorteil der abgebildeten Föhns und deren Ondulier-Aufsätze. Es waren Wunschträume für ihn, der selbst mit einem Föhn arbeitete, der von vergilbten Klebeband zusammengehalten wurde.

Es war kaum zu glauben was er mit mir angestellt hatte. Die Frisur glich einem Helm aus barocken Schnörkeln, eine feste Perücke aus Haarspray, die nichts mit meinem blassen ungeschminkten Gesicht zu tun hatte.
Eine laienhafte Photoshop-Arbeit war nichts dagegen.
Aber wir lachten und waren mehr als zufrieden beinahe euphorisch.

Du bist jetzt meine Gefangene, brach es aus ihm heraus begleitet von einem Schlüsselrasseln. Er stellte sich demonstrativ vor die abgekratzte, Messing eingefasste Glastüre und spuckte sein typisches Gluckern, bei dem ihm jeder gehässige Mensch eine Regenbogenfahne in die Hand gedrückt hätte - obwohl er zwei Mal verheiratet war.

"Nicht vergessen", sagte ich "vom Christbaum darf man nicht naschen!" und floh - verfolgt von Pfiffen - in den nächsten Passbildautomaten um diesen denkwürdigen Aufsatz auf meinem Kopf festzuhalten.

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