30 Stunden Leben

Wien, 11.15 Uhr.
Das Stadtbild verschwimmt bei 38 Grad. Aus dem Radio des Hyundai-Taxis sendet Radio Wien. Mein Fahrer; schwarz, kugelrundes Gesicht, verwechselbar. Er dreht lauter. Ich höre nichr richtig hin. Er gluckst; verschluckt sein Lachen; dann bricht es wieder aus - raus durch seine blitzblanken weissen-Zahnreihen ins Freie. Seine Augen leuchten, wie Scheinwerfer in der Dämmerung aus einem dunklen Wagen. Ich beginne den Radioton in meinem Kopf aufzudrehen; mich in die Reportage einzuklinken. Das Thema: Die Hitze, was sonst. Stimmen stöhnen und scherzen; Menschen erzählen von Kühlungs-Besonderheiten und Eiswürfel-Tricks. Was findet er so bloß so witzig? Er hämmert mit der rechten Hand aufs Lenkrad:"Wieso reden alle von der Hitze. Bei mir zuhause in Nigeria ist es bei 38 Grad kühl - und wir sagen den Kindern, sie sollen lieber den Pullover zum Fußballspielen mitnehmen!" Er gluckst fassungslos und zufrieden vor sich hin, schüttelt den Kopf.
Ich habe bis zum Aussteigen am Flughafen noch 5 Minuten Zeit mehr von ihm zu erfahren. Vor 9 Jahren ist er nach Österreich gekommen; nicht als Flüchtling, sondern als regulärer Gastarbeiter. Seitdem jobbt er. wo er gebraucht wird. Daheim in Nigeria warten vier Kinder und eine Frau; Punkt 20 Uhr ruft er sie an, Tag für Tag. Ohne Berührung, mit Gespür: "Wenn ich fünf Minuten zu spät bin, macht sich meine kleine Tochter schon Sorgen." Nein, Papa kommt nicht so bald. Nur einmal im Jahr; im Jänner, fliegt er für einen Monat heim. Rechts sehen wir durch das Fenster die Raffinierie: "Ich fahre fast jeden Tag hier raus zum Flughafen. Doch einmal im Jahr fliegen die Schmetterlinge in meinem Bauch - dann weiss: Heute geht meine Maschine nach Laos."
Und ich sage irgendwas spontan viertelpoetisches, so was wie: "Und die Schmetterlinge fliegen dann mit und kommen zu Ihrer Familie." Er ist mir total vertraut, trotzdem wäre es jetzt unpassend, ihn zu duzen. Er lacht auf, gluckst. Und wir kurz still: "Elf Monate fahre ich hier aber auch raus, um andere zum Flughafen zu bringen und während die Menschen im Fond hektisch auf die Uhr schauen, rinnen dann unsichtbare Tränen über meine Wangen!"
Die Gedanken ergrauen; er spricht davon, dass es nicht schön sei, als Afrikaner in Österreich zu sein und er verteidigt die Menschen hier doch gleich: "Ich hattet nie eine Kolonie. Deshalb haben sich die leute hier nicht an Afrikaner gewöhnen können."
Wenn er über Paris oder London fliege, sei es wie Entspannung, nicht diesen mißtrauischen Blicke zu spüren. "Dort ist Frankreich in Afrika und Afrika in Frankreich." Ich sage was wie: "In Amerika ists auch okay; denn da sind ja alle Ausländer oder Nachfahren von Ausländern." Er gluckst; doch jetzt hat das Glucksen eine dezent mollene Färbung.
"Bald will ich heimgehen, ein paar Jahre noch." Warum er überhaupt hier ist? "Für die Kinder; ich schicke das ganze Geld heim; die Kinder können so in die Schule gehen und sie werden es einmal besser haben." In Nigeria gehe es jetzt sowieso aufwärts, aber nur langsam." Pensionsversicherung gibts keine und deshalb geht ein Drittel seines Geldes an die Mutter: "Das ist bei uns so. Du bekommst Kinder, damit sie Dich im Alter versorgen können." Und wenn man keine Kinder hat? "Dann ist Scheiße."
Am Flughafen steige ich aus und ich habe jetzt fast Schmetterlinge. "Danke für die nette Unterhaltung!" Als ich schon ausgestiegen bin, kurbelt er noch das Fenster runter und gluckst: "Aufpassen - heiss!"
Dann blinkt er nach links und fährt davon. Weg vom Flughafen, dem Ort seiner schönsten Schmetterlingssammlung, zurück in die große, fremde, heisse Stadt.

Versailles, 20.30 Uhr
Ein Nebenschloß des berühmten Gebäudes. Der herrliche Vorplatz, der Duft frisch gemähten Rasens, der stille Klang eines Gewässers, das Abendessen mit dem japanischen Super-Manager, seinem Dolmetscher und seiner Assistentin.
Meine Augen sind unkoordiniert - wenn er redet, bin ich unschlüssig, ob ich dann ihn anschauen soll oder den neben ihn simultan flüsternden Dolmetscher? Der Asssistentin ist es egal: Sie nickt das englische und das japanische ab, wie diese Hündchen, die man früher oft in Reisebussen sah und den Kopf bewegten, und ich frage mich, ob sie eigentlich zuhört oder eher maschinell nickt.
Der reiche japanische Manager, der wohl an einem Tag mehr verdient als der nigerianische Taxilenker in den 11 Monaten zwischen den Schmetterlingsflügen, wirkt freundlich, wenn auch um eine Nuance zu europäisch freundlich. Beim Gespräch über Fußball bricht das Eis und er verliert ein bisschen die Spur des konventionellen Small-Talk. Er spiele selbst leidenschaftlich gerne und schon bevor es der Dolmetscher sagt, weiss ich, dass er ein flinker Rechtsaußen ist.
Der Manager hat Geburstag und so singen ihm die Mitarbeiter plötzlich ein Happy Birthday. Er bekommt ein französisches Teamtrikot des schwarzen Thierry Henry und zieht es über sein Sakko an. Er trinkt ein Glas Sekt und ist in der Sekunde, wo er das Glas abstellt, ist er schon leicht betrunken. Er gluckst, er gluckst in kürzeren Silben als der Nigerianer am Vormittag, aber in einer ähnlichen Herzlichkeit, es ist ein Nach-Innen-Lachen; als ob die Lautsprecher-Boxen umgedreht worden wären und der schöne Schall in das eigene Herz dringt.

Versailles, 22.30 Uhr.
Der Dolmetsch kichert synchron und erzählt nun - da der Chef schweigt - von seinem Leben in London, dass in Kyoto begann, ihn gleich nach Los Angeles führte und das nun in London stattfindet. Ob er Angst haben, in einer Stadt in Terror-Panik zu leben? Nein, man fühle sich sicherer - auch wenn es gewöhnungsbedürftig sei, dass die Bobbys seit 2 Wochen statt eines Gummiknüppels ein Maschinengewehr haben. Und natürlich denke er an die arabisch aussehenden Kollegen und deren latende Angst, irrtümlich von einem Polizisten erschossen zu werden. Und dann fügt er hinzu, dass die Terrorangst das U-Bahn-Fahren auch angenehmen verändert habe. Sobald wo ein Gepächsstück freisteht, fragen sich die Leute gegenseitig, ob der Koffer wem gehöre: "Deshalb reden die wildfremden Leute mehr miteinander als je zuvor."

Paris, 11.30 Uhr.
Eine der schönsten weiblichen Menschen aller Zeiten, eine Schloßprinzessin, erwartet uns am Auto-Check-In. Neben ihr steht ihr PR-Hostess-Kollege, der uns auf Deutsch erklärt, wie wir nach 10 Metern mit dem Wagen abbiegen sollen. Wir fahren los; 5 Meter, 10 Meter und stehen an der Kreuzung. Der Beifahrer und ich sehen uns ratlos an und wir wissen beide, dass wir keine Ahnung haben, was der Typ uns eben gesagt hat. Ich muß zwei Meter zurückfahren, doch der Retourgang ist wie verschwunden, er läßt sich nicht finden. Da taucht die Märchenfee auf, und sie zeigt nach rechts. Benommen fahren wir weiter und parken. Wir sind sicher nicht die ersten, denen das an diesem Tag passiert ist.

Euro-City Wien-Villach, 17 Uhr.
Ein afrikanisches Kind beginnt pünktlich zur Abfahrt des Zuges mit sich selbst zu sprechen, in drei Sprachen - deutsch, französisch, englisch - abwechselnd. Der Bub redet ohne Zusammenhang; manche Geschichten klingen beschaulich; andere explosiv: Maschinengewehrgeknatter, Hilfeschreie, Torjubel, Morddrohungen, Liebesschwüre, Angstlaute. Es geht ganz schön viele verbaler Erfahrungsschatz in so ein kleines, schwarzes Kind aus Nigeria oder sonstwoher.

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