
Meine Wohnung hat eine Terrasse. Ein langer ebenerdiger Schlauch mit mäuerlicher Abgrenzung zum Rest des Hofes, ein wenig mühsam begrünt.
Die rothaarigen Kinder von Gegenüber verschießen oft ihre Bälle und kriechen voller Panik über die Mauer, um ihr Eigentum möglichst unentdeckt wieder zurückzuholen.
Ich "erwische" sie meistens, schenke ihnen Süßigkeiten und weise sie drauf hin, dass ihnen der regenverweichte und wackelige IKEA-Tisch den Hals brechen würde, wenn sie draufsteigen, um den Mauerrand zu erreichen.
Ich mag keine toten Kinder auf meinem Balkon. Und ich mag es nicht, wenn sie vor mir Angst haben.
So schaute ich auch heute wieder aus dem Fenster, aufgeschreckt von einem ziemlichen Lärm und erspähte keinen Rotschopf sondern einen bulligen, ausgewachsenen Mann, der panisch Deckung suchte.
"Gibt es ein Problem?" fragte ich nicht unhöflich aber mit doch leicht spitzem Unterton, in der Annahme, dass er wahrscheinlich kaum meine Rosen schneiden möchte.
Er hielt den Blick suchend zum Himmel gerichtet, bis das Schnattern eines Hubschraubers ihn panisch werden ließ.
"Nein, kein Problem" flüsterte er und sprang über die Brüstung auf ein paar Mülltonnen und weiter auf den Boden. Es klang schmerzhaft und er verschwand im Durchgang des benachbarten Hofes.
Ein Polizeihubschrauber flog tief über den Hof. Zwei Stunden später bemerkte ich auch die Ursache des Lärms, der mich zuvor so erschrecken ließ. Das was die Nachbarskinder in drei Jahren nicht zusammengebracht hatten, schaffte der Terrassenflüchtling mit einem schlechten Tritt. Er hatte das Regal mit meinen Kakteen umgeworfen und alles zerbrochen.
War er vielleicht ein Gefangener, ein Dieb, Mörder oder ein Opfer, ein Liebhaber auf der Flucht vor einem rachsüchtigen Ehemann? Für einen "Pacours"-Sportler war er mir zu blad.
Hätte ich die Polizei verständigen sollen, ihn anschwärzen? Dafür bin ich zu wenig Petze …
Vielleicht war auch alles nur Einbildung und die Zusammenhänge zu einfach, um zu verstehen.